Stand des Kanalisations- und Kläranlagenbaus in der Türkei – Das Zeitschrift Wasserwirtschaft 68

Das Zeitschrift Wasserwirtschaft 68 – 1978/12 – Seite: 360-365

Ahmet Samsunlu

Actual Situation of Canalisations and Sewage Treatment Plant Works in Turkey

Zusammenfassung / Summary

Die türkische Republik befindet sich seit ihrer Gründung in einer Phase der schnellen städtischen und industriellen Entwicklung. Der Ausbau der Wasserversorgung und des Entwässerungsnetzes konnte mit dieser Entwicklung nicht Schritt halten. Heute schon kann der Wasserbedarf vieler Städte und Industrien nicht mehr gedeckt werden. Durch mangelnde Planung und Abschätzung der industriellen Entwicklung ist die Umweltverschmutzung in der Türkei zu einem drängenden Problem geworden. Auf vielen Gebieten des Umweltschutzes müssen unbedingt sofort Maßnahmen getroffen werden. Obwohl einige Vorarbeiten schon in Angriff genommen wurden, konnten wegen finanzieller Schwierigkeiten bislang wesentliche Arbeiten nicht durchgeführt werden.

Since the foundation of the Turkish Republic the country is in a phase of rapid industrial and urban development. Progres in water supply and sewer systems however could not cope with this rapid development which leads now to some shortage in towns and industries. The lacking management and planning led to the fact that environmental pollution has become in Turkey a problem of major concern. In many fileds of environmental protection urgent measures must be taken. Some planning and design has already been done but the execution of the work has until now always been delayed due to financial probleiis.

1          Allgemeine Entwicklung in der Türkei

Die Türkei ist durch ihre landwirtschaftliche Struktur geprägt. Der Großteil der türkischen Bevölkerung lebt in den Dörfern und ist in der Landwirtschaft oder landwirtschaftlichen Industrie beschäftigt. Doch gab es in den letzten Jahren erhebliche Veränderungen. In den Stadtregionen war eine zunehmende Industrialisierung zu beobachten. Außerdem führte die Landflucht zu einer außergewöhnlich starken Bevölkerungszunahme in den städtischen Regionen. Während in der gesamten Türkei das Wachstum der Bevölkerung in den letzten Jahren bei 3% lag, verzeichneten die Ballungsgebiete einen Bevölkerungszuwachs von 7%. 1950 noch lag der städtische Bevölkerungsanteil bei 18,5%, stieg 1960 auf 25,2% und erreichte 1970 33,5%. Wegen des schnellen Bevölkerungszuwachses in den Städten können die vorhandenen Kanalisationsnetze meist ihre Aufgaben nicht mehr voll erfüllen.

Die Umweltverschmutzung durch städtische und industrielle Abwässer rückt seit einigen Jahren in den Mittelpunkt des öf-fentlichen Interesses, vor allem seit dem die Verschmutzung des Goldenen Horns, der Küste entlang des Marmarameers, des Golfs von Ismit, Izmir und Iskenderun sehr groß geworden ist. Auch die Bäche, die durch Izmir (Melez Bach) und Ankara (Ankara Bach) fuhren, sind zum Teil menschengefährdend ver-schmutzt. Wie schnell die Entwicklung der Verschmutzung der Gewässer und Meere zugenommen hat, ist daran zu erkennen, daß noch vor einigen Jahren ohne Gefahr im Golf von Izmir gebadet werden konnte, was heute nicht mehr zu empfehlen ist.

2          Die Entwicklung der Kanalisationsnetze und Kläranlagen

In den meisten anatolischen Städten sind Kanalisationen noch aus der seldschukischen und osmanischen Zeit anzutreffen. Der Bau einer modernen Kanalisation wurde in Istanbul noch vor dem ersten Weltkrieg begonnen, konnte aber durch die Kriegswirren nicht beendet werden. Nach der Gründung der türkischen Republik wurden Kanalisationsentwürfe für die Städte Izmir, Istanbul und Ankara gemacht. In den letzten

Jahren wurden auch für andere Städte Projektentwürfe im Auf-trag der Bank für Stadtentwicklung (Iller Bank) angefertigt.

2.1       Die Lage in Istanbul

Die Kanalisationsprobleme von Istanbul müssen dringend gelöst werden, da die bislang in Bächen oder offenen Kanälen abfließenden Abwässer eine große Gefahr für die Bevölkerung darstellen. 1970 lag die Einwohnerzahl von Istanbul bei

2 248 000 Einwohner, für das Jahr 1985 rechnet man mit einer Zunahme auf 4 425 000 und im Jahre 2020 mit einer Bevölke-rung von 7 500 000. Aus diesen Zahlen wird die Bedeutung

des auszubauenden Kanalisationsnetzes deutlich.

Die derzeit bestehende Kanalisation von Istanbul mit einer Länge von 400 km entsorgt nur 24% der Bevölkerung. Der größte Teil dieses Netzes ist nach dem Mischverfahren konzi-piert. In den letzten Jahren wurden jedoch zusätzliche Netze nach dem Trennverfahren gebaut. Das bestehende Kanalisa-tionsnetz nutzt auch noch 40 km der in der byzantinischen und osmanischen Zeit erstellten sogenannten quadratischen Kanäle. Der restliche Teil des Kanalnetzes stammt aus dem 20. Jahrhundert. Das in diesen Kanälen gesammelte Abwasser wird ins Meer eingeleitet.

Zwar gibt es in Istanbul zwei Kläranlagen, eine mechanisch-biologische in Ataköy (Bild 1) und eine weitere mechanische Anlage in Halii. Beide Anlagen sind jedoch außer Betrieb. Die Anlage in Halle dient nur noch als Pumpwerk.

Dies ist der Grund, daß alljährlich 40 bis 60 hm3 städtisches und industrielles Abwasser ungeklärt in das goldene Horn bzw. ins Marmarameer fließen. Druch die mit der Wassertiefe sich ändernde Strömungsrichtung am Bosporus kommt es nicht

zu einer örtlichen Aufkonzentrierung des Meerwassers im Ge-gensatz zum Goldenen Horn, das als hochverschmutzt anzusehen ist und durch die hohen Colizahlen bedingt, Baden zu einem gefährlichen Abenteuer macht.

Eine Analyse von 200 Stichproben aus häuslichem und industriellen Abwässern ergab folgende in Tafel 1 zusammengefaßte Werte:

Tafel 1: Analyse häuslicer und Industrieller Abwädsser In Istanbul

AbwasserMg/l BSB5Mg/l CODMg/l nicht absetzbare StoffepHMg/L Fette und Öle
Häuslich150-400200-10007,1-8,43-10
Industriell Zulässige0-68502-140000-47801,6-118100-1000
Granswerte10-3080-50Bis 3070,1-9,5

Eine Gegenüberstellung der zulässigen Grenzwerte mit den tat-sächlich gemessenen Werten zeigt die Gefahr dieser ungeklärten Abwässer. Die Gefährdung der Bevölkerung kann auch an lland folgender Vergleichswerte verdeutlicht werden: Während in Hannover mit seinem modernen Kanalisationsnetz in den.

Jahren 1950 bis 1957 nur 0,05%0 der Bevölkerung von Typhus befallen waren, lag im gleichen Zeitraum der Typhusbefall in Istanbul bei 1%0, d.h. 20mal so hoch. Ähnliches galt

für Paratyphus, bei dem der Prozentsatz in Istanbul mit 0,65%0 12mal so hoch wie in Hannover lag.

In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Pläne gemacht, um das vorhandene Kanalisationsnetz den wachsenden Bedürf-nissen anzupassen. Ende der 20iger Jahre hat der Berliner Ingenieur Wild einen Vorschlag für die Entwässerung ausgear-beitet. Das Abwasser von einem 4000 ha großen Gebiet sollte im Mischverfahren gesammelt und nach einer groben mechanischen Klärung mit Rechen auf dem Klärwerk Halig, das heute stillgelegt ist, direkt dem Meer zufließen. In den 50iger Jahren hat Professor Kehr von der Technischen Hochschule Hannover einen Generalentwässerungsplan ausgearbeitet, unter Einbeziehung der nach den Plänen von Wild auszuführenden Bauwerke. Auch Kehr sah nur eine grob mechanische Klärung des Abwassers und anschließende Ableitung ins Meer vor. Dem Goldenen Horn sollte jedoch kein Abwasser zugeführt werden. Er empfahl, das aus dem entsprechenden Entwässerungsgebiet anfallende Abwasser in Rückhaltebecken zu sammeln und über Pumpleitungen dann zu den Einleitungsstellen am Bosporus zu fördern. Beide Pläne wurden wegen finanzieller Schwierigkeiten nur teilweise verwirklicht.

Die derzeit jüngsten Planungsarbeiten stammen von der Firma Damoc, um den von der Weltgesundheitsorganisation vorge-schriebenen Auflagen für eine Finanzierung des Kanalnetzes zu entsprechen. Dieses Planungsprojekt umfaßte Istanbul und seine Umgebung (Bild 1). Es wurde das Trennverfahren und eine mechanische Klärung des Abwassers vorgesehen. Das Abwasser soll dann gut verteilt in die tieferen Meeresschichten eingeleitet werden. Auch dieses jüngste Projekt wurde bislang nicht in Angriff genommen, zum Teil werden die Pläne derzeit erneut überarbeitet. Wenn man sich die wachsende Dring lichkeit des Baus eines modernen Entwässerungsnetzes für Istanbul vor Augen hält und das bislang vorhandene Kanalnetz damit vergleicht, wird ein weiteres Abwarten immer gefährlicher. Aus diesem Grunde sollten die Planungsarbeiten der letzten 20 Jahre endlich abgeschlossen werden und mit der Bauausführung unverzüglich begonnen werden.

Bild 1: Übersichtsplan des Kanalisationsnetzes von İstanbul

2.2       Die Lage in Ankara

Seitdem Ankara die Hauptstadt der Türkei ist, nimmt die Bevölkerung stark zu, dies ist allerdings nicht von einer vergleich-bar starken industriellen Entwicklung begleitet. In den letzten 20 Jahren hat sich die Bevölkerungszuwachsrate um den Faktor 4 vergrößert. Die Einwohnerzahl betrug im Jahr 1968 ca.

1 Mio. Einwohner und man schätzt für das Jahr 2000 eine Bevölkerung von ca. 3 Mio. Die Stadt erstreckt sich über ein Gebiet von 332 km2, davon sind nur 27 km2 an ein Kanali-sationsnetz angeschlossen, das teilweise im Misch- und teilweise im Trennverfahren ausgebaut ist. Das gesammelte Abwasser, mit nur geringem Industrieabwasseranteil, wird an 90 Stellen in die umliegenden Bäche und Flüsse eingeleitet, die jedoch im Sommer und Herbst meist kein Wasser führen. Im Gebiet von Yenieehir wurde seit 1945 nach Plänen der Staatlichen Wasseraufsichtsbehörde das Kanalnetz im Trennverfahren ausgebaut. Das Kanalnetz im verbleibenden Stadtteil ist ein Mischsystem. 50% der Bevölkerung sind nicht an das Kanalnetz angeschlossen. Der Betrieb des bestehenden Netzes ist überaus schwierig, da Bestandspläne vielfach fehlen. An der technischen Universität des mittleren Ostens befindet sich als einstufige Tropfkörperanlage die einzige Kläranlage von Ankara.

Um die Kanalisationsprobleme zu lösen, wurden in Ankara schon früh Arbeiten durchgeführt. Wild hat 1939 den Ausbau des Kanalisationsnetzes im Trennverfahren empfohlen. Seine Vorschläge sahen auch den Bau einer Kläranlage außerhalb der Stadt vor. Die zuständigen Ministerien haben 1940 und von 1944 bis 1951 Berichte über die durchzuführenden Arbeiten erstellt. Als Folge des Berichts von 1951 wurde festgelegt, daß im Ankara-Bach nicht mehr gebadet werden darf, da die Verschmutzung zu stark geworden ist. Weiter wurde in diesem Bericht empfohlen, die Kanalisation im Trennverfahren auszubauen und anschließend eine biologische Kläranlage zu errichten. 1967 wurden die Camp-Harris und Mesera Ingenieure beauftragt, Pläne für die städtische Wasserversorgung und Kanalisation auszuarbeiten. Der vorliegende Entwurf (Bild 2) sieht vor, daß rd. 3,8 Mio. Menschen ver- und entsorgt werden müssen. Die derzeit vorhandenen Wasserversorgungs- und Ent-wässerungsnetze werden in das neue System integriert und mit ihrer vollen Kapazität genutzt. Zwischen Etimesgut und Sincanköy soll eine nach dem Belebtschlammverfahren arbeitende Kläranlage errichtet werden.

Bild 2: Geplantes Hauptsammlersystem von Ankara

2.3       Die Lage in Izmir

Die gesamten industriellen und häuslichen Abwässer von Iz-mir gelangen über 98 Einläufe direkt ins Meer und über 10 Einläufe in die umliegenden Bäche. Nur die Hälfte des 2800 ha großen Einzugsgebietes, auf die Einwohnerzahl übertragen heißt dies rd. 315 000 Einwohner, sind an das städtische Kanalisationsnetz angeschlossen. Ein geringer Teil der Kanalisationsanlagen nur entspricht modernen Anforderungen. Die früher ausgearbeiteten detaillierten Planungen wurden meistens nicht berücksichtigt. In Kenntnis der sich daraus ergebenden Gefahren hat die Stadt Izmir mit Unterstützung der Staatlichen Wasseraufsichtsbehörde eine türkisch-amerikanische Firma beauftragt, für das Planungsjahr 2000 einen Gene-ralentwässerungsplan auszuarbeiten, dem eine Gesamtbevölkerungszahl von 1,8 bis 2,25 Mio. Einwohner zugrundegelegt wurde. Unter Berücksichtigung des industriellen Abwasseranfalls, der sich 1970 auf rd. 0,61 Mio. Einwohnergleichwerte belief, wird für das Jahr 2000 mit einem Industrieabwasseranteil von 1,5 Mio. Einwohnergleichwerten gerechnet, so daß der gesamte Abwasseranfall rd. 4 Mio. Einwohnergleichwerten entsprechen wird.

In dem Generalentwässerungsplan (Bild 3) wird vorgeschlagen, durch Hauptsammler die Stadtteile Kar§iyaka, Melez Güneyyaka und 9igli zu entwässern und das Abwasser dann über zwischengeschaltete Pumpstationen zur Kläranlage zu fördern, die in 9gli gebaut werden soll.

Im Großraum von Izmir haben von 11 Gemeinden nur 7 ein Kanalisationsnetz.

Bild 3: Geplante Meereseinletitungen im Groußraum İzmir

2.4       Die Lage im ägäischen Raum

Der ägäische Raum zeichnet sich nicht nur durch seine stark entwickelte Industrie und Landwirtschaft aus, sondern auch der Tourismus hat in den letzten Jahren einen sehr starken Aufschwung genommen. Die vorhandene Infrastruktur entspricht jedoch nicht mehr den heutigen Anforderungen. Die Ergebnisse einer vom Verfasser durchgeführten Untersuchung sind in Tafel 2 aufgeführt. 90% aller Gemeinden haben überhaupt keine Kanalisation oder nur eine die den Bedürfnissen in keiner Weise mehr entspricht. In der Stadt Kusadasi, an der Küste gelegen, steht das Kanalisationsnetz kurz vor der Voll-endung, das Einleitungsbauwerk ins Meer ist schon fertiggestellt. Für die Gemeinden Fethiye, Marmaris, Bodrum und KöyZegiz stehen die Kanalisationsnetze in der Planungs- bzw. Bauphase. Die anderen Touristikzentren haben noch keine Kanalisation, dort sind nur Abwassersammelgruben bzw. Sickerschächte vorhanden.

Tafel 2: Kanalisation im ägäischen Raum

Zahl der EinwohnerZahl der untersuchten GemeindenGemeinden mit KanalisationGemeinden den ohne mit  Gemeinden ungenügender Kanalisation
< 3000371297
3000- 4-000276129
4000- 50001569
5000- 60009162
6000-1000014365
10000-2000017359
20000-5000010217
50000-75000312
> 10000011
 133166651

2.5       Die Lage in den anderen Städten

Für Izmir mit Umgebung und Adana werden von türkischausländischen Firmen Kanalisationspläne ausgearbeitet. Die Städte Gediz und Bingöl, die beide von Erdbeben heimgesucht wurden, haben beim Wiederaufbau mit Unterstützung der Städtebank ein Kanalisationsnetz gebaut. In 31 weiteren

Städten ist das Kanalisationsnetz im Bau. Für 76 Städte sind die Baupläne fertiggestellt, für 12 weitere Städte werden die Baupläne ausgearbeitet. Diese Zahlen beziehen sich allerdings auf das Jahr 1975.

3          Die Entwässerung und Einleitung ins Meer

Das durch das Kanalisationsnetz gesammelte Abwasser wird in der Türkei ohne jede weitere Behandlung und Reinigung in den Vorfluter eingeleitet. Dadurch werden sowohl die Menschen als auch das Leben im Gewässer in erheblichem Maße gefährdet.

Ungeachtet der Tatsache, daß durch den steigenden Lebensstandard auch der Bedarf an Trink- und Brauchwasser zunimmt, der nur durch Oberflächengewässer gedeckt werden kann, werden diese Gewässer in unverantwortlichem Maße weiter verschmutzt. Auch das Meer ist durch die Einleitungen sehr stark belastet. So gilt der Golf von Izmir als ebenso stark verschmutzt wie das Goldene Horn. Der innere Teil des Golfs von Izmir ist als biologisch totes Meer anzusehen, eine Konsequenz der Einleitung der Industrie- und Hausabwässer sowie des starken Schiffverkehrs inbesondere auch der Öltanker.

Die Städte Metsin, Iskenderun, Ereili und Zonguldak sind durch die Oberflächenwasserverschmutzung in ihrer weiteren Entwicklung sehr stark behindert. Oberflächenwässer wie der Murgel Bach bei Murgel werden durch Abwässer aus Kupfer-Bergwerken zu biologisch toten Gewässern oder auch der Simav Bach bei Simav durch die Abwässer, die bei der Borax-Herstellung anfallen.

In der Türkei gibt es nur in Istanbul-Ataköy, in Ankara-Odtü und in einer Reifenfabrik bei Adapazari Kläranlagen, die jedoch meist nicht in Betrieb sind.

3.1       Einleitungen ins Meer

Alle Städte, die an den Küsten des Schwarzen Meers, Marmara-Meers, Ägäischen Meers und Mittelmeers liegen, haben die Möglichkeit, ihre Abwässer durch Einleitung ins Meer zu besei-tigen. In der Türkei wird diese Art der Abwasserbeseitigung derzeit bevorzugt, da die anfallenden Gesamtkosten im Ver-gleich zum Bau einer konventionellen Kläranlage niedriger liegen und man nicht im gleichen Maße wie hei Kläranlagen geschultes Personal benötigt. Das Abwasser wird in einiger Entfernung von der Küste ins Meer eingeleitet, so daß bis zur

Küste hin eine starke Verdünnung eintritt und sich die noch zulässigen bakteriologischen und hygienis,lien Grenzwerte einhalten lassen.

3.2       Der ozeanographische Zustand

Der Verdünnungseffekt wird durch die starken Meeresströ-mungen am Bosporus und den Dardanellen sehr stark geför-dert. Die Meeresströmungen an den anderen Küsten mit schwacher Ebbe und Flut werden hauptsächlich durch den Wind verursacht. Einen Überblick der Oberflächenströmungen in den türkischen Gewässern gibt Bild 4.

3.2.1    Ozeanographische Parameter des Schwarzen Meers

Das Schwarze Meer gilt unter den Weltmeeren als das sauerstoffärmste. Von 0 bis 100 m Tiefe liegt der 02 -Gehalt zwischen 5 und 12 mg/1 und erreicht in einer Tiefe von 2000 m den Nullwert. Auf dem Meeresgrund in 2000 m Tiefe erreicht die H2S-Konzentration einen Wert von 300 gmo1/1, die mittlere Temperatur liegt bei + 12° und der Salzgehalt erreicht Werte zwischen 21 und 22,5%o. Die Oberflächentemperatur kann zwischen 6 und 25°C schwanken bei einem mittleren Salzgehalt von 17%0.

3.2.2    Ozeanographische Parameter am Mittelmeer und Ägäischen Meer

Das Ägäische Meer wird als Teil des Mittelmeers betrachtet und beide Meere weisen einen Salzgehalt von ca. 39%o auf. Die Thermoklinenzone liegt in einer Tiefe zwischen 25 bis 30 m

3.2.3 Ozeanographische Parameter des Marmarameers, des *Bosporus und der Dardanellen

Durch den unterschiedlichen Salzgehalt im Schwarzen Meer (ca. 17%o) und im Mittelmeer (39%o) ergeben sich in beiden Meerengen Halokline. Die ozeanographische Untersuchung des Bosporus wies auf eine Thermoklinenbildung in 11 bis 30 m Tiefe hin. Die Strömungsverhältnisse zeigen, daß an der Oberfläche eine regelmäßige Strömung vom Mittelmeer ins Schwarze Meer auftritt und ab 50 m Tiefe eine Strömung in umgekehrter Richtung sich einstellt. Zwischen 20 und 50 m Tiefe wechselt die Strömungsrichtung schichtartig. Die Strömungsgeschwindigkeiten nehmen von oben nach unten von 2 m/s auf 1 m/s ab.

3.3       Kriterien und Normen für die Meereseinleitung

Augenblicklich gibt es keine türkischen Kriterien und Normen für den Bau und die Unterhaltung von Anlagen zur Einleitung von Abwasser ins Meer. Ohne eine richtige Dimensionierung dar Anlagen besteht die Gefahr der weiteren Verschmutzung der Küstengebiete, wie sich bei den bisherigen Einleitungen an der türkischen Küste zeigte.

Vor der Planung solcher Anlagen muß man sich nach Krite-rien richten, die sich aus vorhergehenden gründlichen Unter-suchungen ergeben, unter Berücksichtigung des wirtschaft-lichen Potentials, das der Tourismus für diese Küstenregio-nen darstellt. Bei keiner vorausschauenden Planung und Bauausführung können die gleichen schlimmen Folgen entstehen wie sie in Süditalien und an der Costa del Sol jetzt zu beobachten sind.

3.4       Einige Beispiele zur Planung und Ausführung von Meereseinleitungen

Bei den derzeit durchgeführten Planungen ging man hauptsächlich von ausländischen Normen und Kriterien aus, da einheimische Normen fehlen.

3.4.1    Großraum Istanbul

Istanbul hatte 1970 2,24 Mio. Einwohner, diese Zahl wird sich wahrscheinlich im Jahr 2020 auf 7,51 Mio. Einwohner erhöhen. Die Firma Damoc hat für dieses Jahr die Planung für die Kanalisation und die Meereseinleitung ausgearbeitet.

Bild 4: Die Meeresoberfldchenströmungen in dir’ kischen Meeren

Diese Planung wurde von der Firma Camp-Tek-Ser 1975 überarbeitet. An insgesamt 14 Stellen wird das Abwasser ins Meer eingeleitet. Durch die günstigen ozeanographischen Bedingungen sieht man keinen Hinderungsgrund rar eine Einleitung im Meer. Wird das Abwasser in einer Tiefe zwischen 20 und 30 m eingebracht, so gelangt es durch die Auswirkungen der Thermoklinen, Haloklinen und Schichtströmungen nicht mehr an die Oberfläche und kann so problemlos beseitigt werden. Eine Alternativlösung der Firma Camp-Tek-Ser sieht vor, das Abwasser in einer Tiefe unterhalb 50 m einzuleiten, damit es in das Schwarze Meer abgeführt wird. Für das Marmarameer wird eine Einleitungstiefe unterhalb 30 m empfohlen, da die 02-Konzentration ab 30 m Tiefe einen Wert von 2,5 mg/1 erreicht. Als Vorbehandlungsstufe vor der Einleitung hat man Rechen, Sandfänge und Schwimmstoffabscheider vorgesehen.

3.4.2    Großraum Izmir

Die Firma Camp-Harris-Mesara hat für die Stadt Izmir, deren Einwohnerzahl 1970 sich auf 767 000 belief und deren Zahl den Schätzungen zufolge im Jahr 2000 2,25 Mio. betragen soll, den Plan für die Kanalisation und die Meereseinleitung ausgearbeitet. Dieser Plan wird augenblicklich von der Firma Holfelder-Suyapi überarbeitet, um die überaus stark verschmutzte Innenbucht so schnell wie möglich zu sanieren. Das gesamte Abwasser der Stadt soll in zwei Kläranlagen zusammengeführt werden. Die Kläranlage im südlichen Teil der Stadt soll nach dem Belebtschlammverfahren gestaltet werden, da an der vorgesehenen Einleitungsstelle keine günstigen ozeanographischen Verhältnisse vorherrschen und die Meeresverschmutzung sich schon den zlässigen Grenzwerten nähert. Das im nördlichen Teil der Stadt gesammelte Abwasser wird in Oxidationsteichen vorgereinigt und an einer Stelle der Außenbucht eingeleitet, an der die ozeanographischen Bedingungen günstig sind und die Verschmutzung an der Meeresoberfläche bleibt gering. Die Tiefe des Einleitungsbauwerks soll bei ca. 30 m liegen.

In der Umgebung von Izmir liegen viele i’eriendörfer und Erholungsorte, die ihre anfallenden Abwässer nach modernen technischen und hygienischen Gesichtspunkten beseitigen. In Kusadasi wird das Abwasser über Rechen und Sandfang geleitet, dann gechlort und im nachfolgenden Absetzbecken mechanisch gereinigt. Feriendörfer des Club Mediteranee, Seckin Tatil sitesi und Nötestik Tatil sitesiführen ihre Abwässer über Rohre ins Meer ab.

4          Institutionen, die sich in der Türkei mit Kanalisationsbau und Abwasserbehandlung beschäftigen

Das Parlament hat Gesetze erlassen, die die Gemeinden ver-pflichten, eine Kanalisation zu bauen (Gesetz Nr. 1580: Ge- • meindegesetz; Nr. 1593: Allgemeines Gesundheitsschutzgesetz; Nr. 6785: Baugesetz). Die Gemeinden, insbesondere jedoch die kleinen sehen sich aber finanziell und technisch nicht in der Lage, den Auflagen dieser Gesetze nachzukommen. Im Jahre 1970 hatten von 1303 Gemeinden nur 262 eine Ein-wohnerzahl über 10 000. Abgesehen von den Großstädten wie Istanbul, Ankara, Izmir haben auch größere Städte mit einer Einwohnerzahl über 10 000 Einwohner keine für die Ab-wasserableitung und Abwasserreinigung zuständige Behörde und auch kein für diese Fragen geschultes Fachpersonal. Gro-ßen Städten wie Istanbul, Izmir und Ankara hilft die Staat-liche Wasseraufsichtsbehörde und die Städtebank. Die Unter-satzung durch die Städtebank erfolgt erst seit jüngster Zeit, da zuvor Ihre Hauptaufgabe in der Unterstützung von Städten bis zu 100 000 Einwohnern lag. Die staatliche Wasserauf-sichtsbehörde hat die Aufgabe, Städte über 100 000 Einwohner beint Ausbau der Wasserversorgungsanlagen zu unterstützen und Mr die anfallenden Schmutzwässer die entsprechenden Maßnahmen zu deren Beseitigung einzuleiten. Das Gesetz schreibt zwar zwingend vor, daß diese Behörde die Wasserversorgungsprobleme lösen muß, aber es geht nicht eindeutig daraus hervor, wer für die Planung und den Bau der Kanalisationsanlagen zuständig ist. Obwohl die Zuständigkeit nicht eindeutig festliegt, hat sich diese Behörde bemüht, zur Lösung der Kanalisationsprobleme von Izmir, Istanbul und Ankara beizutragen. Auch wurden die ersten Forschungsarbeiten über die Umweltverschmutzung in der Türkei von dieser Behörde durchgertthrt.

Das Amt für Straßen, Wasser- und Elektrizitätsversorgung hat die Aufgabe, sich diesbezüglich um die Belange der Gemeinden unter 3000 Einwohner zu kümmern. In den letzten Jahren haben Fragen des Umweltschutzes in der Türkei ein hohes Maß an Dringlichkeit erreicht. Aus diesem Grund wurde zur Koordination der Maßnahmen von den betroffenen Ministerien eine Fachkommission gegründet, die sich intensiv mit Fragen der Kanalisation und Abwasserreinigung beschäftigt.

Auch die Erziehung und Ausbildung auf dem Gebiet des Um-weltschutzes machte in den letzten Jahren in der Türkei große Fortschritte. An der Technischen Universität von Istanbul gibt es ein Institut für Umweltschutz und Umwelttechnologie, an der Technischen Universität des mittleren Ostens in Ankara ist ein Fachbereich rar r Umweltingenieure vorhanden. An der Ege Universität in Izmir wurde der Aufbau eines Fachbereichs für Umweltingenieure abgeschlossen und an der Bogazi9i Universität in Istanbul werden am Laboratorium rar Umwelt-teeinuit schon seit Jahren Forschungsarbeiten durchgerulut.

5          Die Finanzierung der Lanalisationabauwerice und Kläranlagen

Die Türkei ist geographisch gesehen eine natürliche HalbinseL Die Küstenlänge beträgt insgesamt 7130 km. 82,217 km2 werden von künstlichen Wasserflächen bedeckt. Die natürlichen Seen haben eine gesamte Oberfläche von 906,118 km2, die Lagunen von 66,234 km2 und die Flüsse von 147,715 km2. Um diese Wässer vor der industriellen und häuslichen Verschmutzung zu schützen, wurden im ersten und zweiten Fünfjahresplan zur Finanzierung der erforderlichen Kanalisations-.

bauwerke und Abwasserreinigungsanlagen folgende Vorschläge ausgearbeitet:

— Alle Gemeinden müssen ihre Kanalisationsprobleme lösen. • Als Sofortmaßnahme wird in 60 Städten und Gemeinden ein Kanalisationsnetz gebaut. Die vorgesehenen Kosten belaufen sich auf 1,15 Mrd. TL. Für das Kanalisationsnetz von Istanbul soll eine Rücklage von 2,5 Mrd. TL gebildet werden und mit dem Bau sofort begonnen werden.

—        Gemeinden unter 10 000 Einwohner sollen zumindest Sikkergruben anlegen. Der vorgesehene Bau von Kanalisationsanlagen würde 6,4 Mrd. TL kosten, das Kanalisationsnetz für Industriebetriebe würde 2,5 Mrd. TL benötigen.

Aber leider wurden die geplanten Investitionen nicht getätigt. Man schätzt, daß im Jahr 1985 die Bevölkerung der Türkei 78 Mio. Einwohner umfassen wird, von denen 60% in den Städten leben wird. Für die nächsten zehn Jahre liegt der geschätzte Investitionsbedarf für Kanalisationsanlagen bei 22,6 Mrd. TL, d.h. jedes Jahr müssen mindestens 2,18 Mrd. TL investiert werden. Davon können aber derzeit nur 12% von der Städtebank aufgebracht werden (rd. 260 Mio. TL). Die finanziellen und teilweise auch technischen Schwierigkeiten erschweren eine rasche Verwirklichung der vorgesehenen Projekte.

Solche Finanzquellen sind:

—        die Budgets der Gemeinden

—        Kredite der Städtebank

— zinslose Kredite vom Ministerium für Aufbau

—        Kredite aus dem allgemeinen Staatshaushalt

— Kredite vom Ministerium rar Tourismus rar Gebiete mit hohem Touristenaufkommen

—        Kredite vom Ministerium fur Industrie und Technologie rar r die industrielle Erschließung.

Die inländischen Finanzquellen reichen aber in der gegenwärtigen Situation nicht aus, so daß man ausländische Finan7- quellen.mit heranziehen muß.

6          Zusammenfassung

Das schnelle Wachstum der türkischen Städte führte zu schwerwiegenden Problemen u.a. bei dem dringend erforderlichen Ausbau der Kanalisationsnetze. Bis jetzt wurde der schnellen Entwicklung der Städte und der Industrie nicht durch weit-schauende Planung Rechnung getragen. Obwohl rar r einige Städte schon Projektstudien und Pläne ausgearbeitet worden sind, konnten sie bislang nicht verwirklicht werden. Aus diesem Grunde besteht in vielen gebieten der Türkei eine akute Verschmutzungsgefahr. Daher sollten in Zukunft die Planung und Projektierung von Meereseinleitungen unter dem Gesichtspunkt durchgeführt werden, daß einer weiteren schweren Verschmutzung Einhalt geboten wird.

Die Ableitung ungereinigter Abwässer ins Meer hat in der Nähe von Izmir und Istanbul zu einer nachhaltigen und schon menschengefährdenden Störung der Biozönose geführt. In Ankara sind die Bäche zu einer akuten Gefahr rar die Bevölkerung geworden, da sie durch den geringen Niederschlag im Sommer nur Abwasser mit sich führen. Ähnlichen Situationen kann man auch im Golf von Izmir und Iskenderun sowie am Porsukbach bei Eskiehir begegnen.

Die Gemeinden sind sowohl von der personellen Ausstattung wie auch von ihren finanziellen Möglichkeiten her nicht in der Lage, die an sie herangetragenen Aufgaben zu erfüllen. Ohne die finanzielle Unterstützung der Staates wird es den Gemeinden nicht möglich sein, die Anforderungen, die eine moderne Industriegesellschaft hinsichtlich der Entwässerung und Abwasserrreinigung stellt, gerecht zu werden. Dem Staat stellt sich dabei auch insbesondere die Aufgabe, die Industrie und die Bürger so zu veranlagen, daß die Kosten für die Entwässerungsnetze und die Abwasserreinigungsanlagen aufgebracht werden können.

Um die immer größer werdenden Umwektprcbleme mit Erfolg anpacken zu können, muß die Türkei sich eine Behörde schaffen, die sich mit den gesamten Umweltfragen befaßt. Diese Behörde sollte die Bewirtschaftung, Betreuung und Planung der Entwässerungs- und Abwasserreinigungssysteme übernehmen. Außerdem könnte sie unter der Leitung eines Generaldirektors auch selbst Forschungsprojekte und Untersuchungen

über anstehende Fragen durchführen und die sich daraus ergebenden praktischen Erkenntnisse an die Gemeinden und Industrie. weitergeben.

Anschrift des Verfassers: Doc. Dr. Ahmet Samsunlu, Ege Universitesi, Mühendiscik Bilimeri Fakultesi, Cevre Mühendiscigi Bolumu,

Bornova — Izmir / Türkei

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